Sonntag, 21. November 2010

Schon wieder Weihnachten!?

Nein, ich beschwere mich nicht darüber, dass bald Weihnachten ist. Das machen schon genug Reporter-Kollegen, die sich jedes Jahr von neuem darüber aufregen, dass die Lebkuchenherzen zu früh in den Supermärkten liegen. Ich mag Lebkuchen! Aber es ist auffällig, dass die Menschen um mich herum dieser Tage mit den Augen rollen und sagen:" Wahnsinn, jetzt ist bald schon wieder Weihnachten." Was mich daran irritiert, ist das "schon wieder". Bedeutet es, dass das letzte Jahr zu schnell vergangen ist? Gehen andere Jahre denn langsamer vorüber und ist das der Grund, warum die Menschen in diesem November aus allen Wolken fallen?

Mein naturwissenschaftlich orientierter Kollege kann mir direkt ein Rechenbeispiel geben, warum es relativ zur Lebenszeit gesehen stimmt, dass die Jahre kürzer werden je älter man wird: Wenn ein Kind ein Jahr älter wird, zum Beispiel drei Jahre, dann ist das letzte Jahr ein Drittel seines bisherigen Lebens gewesen. Ein Drittel! Das scheint lang, oder? Wenn ich, Ronya, ein Jahr älter werde, dann entspricht das weniger als 3% meines Lebens. Tendenz sinkend!

Ganz im Gegensatz zu Einstein und meinem Kollegen, suche ich nach einer menschlichen und nicht nach einer mathematik-wissenschaftlichen Erklärung. Ich frage also meinen besten Freund und der hört aus dem "schon wieder" eher eine Panik heraus. Die Panik, dass ein weiteres Jahr des Lebens vergangen ist und dass man der Seebestattung damit unweigerlich wieder ein Stück entgegen gesegelt ist. Das ist wohl ein Fakt, aber für die optimistische und lebensfrohe Ronya ein wenig zu theatralisch.

Ich versuche mich also an alle Dinge zu erinnern, die im letzen Jahr passiert sind. In der Technik gab es offenbar ausreichend Zeit für Neuentwicklungen. Heute vor einem Jahr hat sich in Deutschland noch niemand mit hochauflösenden Straßenansichten im Internet beschäftigt, geschweige denn sich darüber beschwert, dass das Kennzeichen des geliebten Autos vor der Tür nicht verpixelt* wurde. Nächstes Jahr um diese Zeit bucht wahrscheinlich kein Tourist mehr ein Hotel, bevor er sich nicht kurz vom Laptop aus die Umgebung angesehen hat!

Und was stand 2010 auf meinem privaten Kalender? Eine Hochzeit, Drei Konzerte, Dinge, die ich dazu gelernt habe und die ganzen Veränderungen im Job. Wo habe ich das letzte Silvester gefeiert? Da muss ich erstmal nachdenken. Ach ja, wir waren bei Freunden. Das kommt mir ehrlich gesagt wirklich lange her vor. Der letzte Urlaub ist sowieso immer viel zu lange her, oder? Beim näheren Hinschauen empfinde ich das letzte Jahr als genauso lang wie es sich für ein Jahr gehört und bin beruhigt.

Für meinen Kollegen wird es nicht so leicht. Für ihn müsste eine neue Zeitrechnung eingeführt werden, damit alle Lebensjahre immer gleich lang sind. Liebe Mathematiker, wie müsste ein Kalender für einen Menschen aussehen, der siebzig Jahre alt wird und bei dem ein Jahr immer ein Siebzigstel seines Lebens ausmacht? Und was ist, wenn der Mensch dann doch achtzig oder gar neunzig wird? Puh, das überlasse ich lieber anderen.

Wie war das letzte Jahr für Euch? War es kurz oder lang und warum? Schreibt mir bitte, mein Kommentarmanager würde sich über ein wenig Arbeit sehr freuen. Und wenn Ihr Euch fragt, warum dieser neue Ronya-Artikel so lange auf sich warten ließ, dann muss ich Euch sagen, dass der letzte Beitrag nur sieben Monate her ist. Das war fünf Monate nach dem letzten Weihnachtsfest. Ist das wirklich so lange her?

*verpixeln = unkenntlichmachen eines digitalen Bildes durch die Verschlechterung der Auflösung.

Dienstag, 20. April 2010

Das App*-Zeitalter

Vorbei sind die Zeiten in denen man von jeder Stadt in der Nähe eine Straßenkarte, sowie einen  500-seitigen ADAC Altas für "Deutschland - Österreich - Schweiz und Europa" im Auto mit sich führt. Schon seit ein paar Jahren trage ich keine Uhr mehr am Handgelenk.  Meine Handtasche ist leichter als früher, denn einen schweren Terminkalender, einen MP3-Player oder gar eine Digitalkamera sind darin überflüssig geworden. Nicht, dass ich es in jeder Lebenslage bräuchte, aber eine Gitarre, einen  Intrumentenstimmer, einen Barcode-Leser, ein Radio, einen Game-Boy, einen Laufstrecken-Aufzeichnungsgerät, einen Taschenrechner, ein Englisch-Deutsch Lexikon und die Tageszeitung habe ich auch immer dabei. Das alles ist möglich mit meinem neuen  Mobiltelefon, einem wunderbaren HTC Legend, welches sich per Bildschirmberührung zum Multifunktionsgerät verwandeln lässt. Herzlich Willkommen im App*-Zeitalter!

Ich weiß nicht genau, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Klar, es ist praktisch all diese nützlichen Dinge immer dabei zu haben. Ich könnte auch endlich die uralten Straßenkarten und Reiseführer  wegschmeißen, die in meinem Keller lagern. Aber ich habe mich auch schleichend zum Sklaven eines elektronischen Geräts mit einem 8,1 cm großen Bildschirm gemacht. Die Tage an denen es nicht funktioniert oder der Akku leer ist, bedeuten dramatische Einschränkungen für mein tägliches Leben. Oft laufe ich mit gesenktem Kopf durch die Gegend, nicht weil ich schlechte Laune hätte, sondern, weil ich so den kleinen Bildschirm besser erkennen kann. Das Gerät ist ständig parat und alle zwei Minuten nehme ich es aus dem genau dafür passenden Fach meiner Handtasche, weil ich schnell mal auf die Uhr schauen will, oder weil ich meine eingegangen Emails abrufen will, oder weil ich schnell mein Schwesterchen Paff anrufen will, oder weil ich wissen will ob nach dem Vulkanaschewolke-Desaster der Deutsche Luftraum wieder freigegeben wurde und ich heute noch damit rechnen muss meinen Londoner Chef im Büro anzutreffen.


Gedanklich begrabe ich all die Dinge, die jetzt keine Dinge mehr sind. Sondern Apps. "Die Spezies 'Straßenkarte' ist vor dem Aussterben bedroht. Sie wird nach aktuellen Vorraussagen lange vor dem Versiegen der Erdölreserven dieser Welt  Lebewohl sagen." lese ich in meinem geistigen Feuilleton. "Deutschlandweit brechen die Produktionszahlen von Westerngitarren ein." steht dort und  auch eine Anzeige: "Gitarren- und Flötenunterricht auf dem iPhone. Nur 20 € pro Stunde. Ruf an (natürlich mobil) unter 0172 555 Guitar."

Als würde das nicht schon genug Gemütsunruhe stiften, kämpfe ich mit dem nächsten, ganz persönlichen Konfikt bei diesem Thema: Ich entwickle beruflich selber Apps. Das macht mich zum Mittäter. Dabei hänge ich an der Wochenausgabe unserer Lokalzeitung und den verdammten, alten Straßenkarten in meinem Keller. Die Karten waren ständiger Begleiter in meinem ersten VW-Polo und haben mir stets treu gedient. Sollte ich sie also wirklich irgendwann ausmustern, so werde ihnen zumindest ein Staatsbegräbnis ausrichten und sie im Garten unserer Eigentümergemeinschaft beisetzen.

*App = Kurzform für Applikationen (oder engl. Applications) auf einem mobilen Endgerät.

Montag, 22. März 2010

Schläfst du schon?

Wie gerne würde ich diese Frage einmal mit ’Ja’ beantworten. Das würde nämlich bedeuten, ich bekäme bewusst mit, dass ich schlafe und wie ich eingeschlafen bin. Es klingt verrückt, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen sich genau das seit Jahrtausenden wünschen.


Ich bezeichne mich gern als ein generell erfolgreiches, stets kontrolliertes und voll durchorganisiertes Mitglied unserer Gesellschaft; aber nur in der Zeit von ca. 8 bis 23 Uhr. Die übrigen 8-9 Stunden des Tages bin ich bewusstlos, völlig unkontrolliert und nutzlos; ein menschliches Brachland. Besonders erstaunlich für meine sonstige Einstellung ist, ich gebe mich diesem Kontrollverlust auch noch täglich freiwillig hin. Das fasziniert und schockiert mich gleichermaßen. Nie würde ich eine Droge einnehmen, die mich 8 Stunden in ein Koma fallen ließe.  Aber ich mache mich täglich bereitwillig bettfertig, schlüpfe in mein bequemes Nachhemd und lege mich in mein Bett, um mein Hirn und meinen Körper 8 Stunden lang abzuschalten und die Kontrolle abzugeben.

Natürlich habe ich schon tausende Male verzweifelt versucht mich beim Einschlafen selbst zu beobachten. Ich möchte unbedingt einmal mitbekommen, wann der Schalter umspringt und der Schlaf mich übermannt. Oft merke ich, dass ich mich dem Einschlafen nähere. Meine Gedanken schlagen Zickzack. Es wird anstrengend dem Wirrwarr zu folgen. Meine geschlossenen Augen sehen tief-schwarze Welträume mit einzelnen weißen Blitzen darin. Ha, gleich ist es soweit! Dann enden meine Erinnerungen. Mist, auch bei der 10950-ten Beobachtung hat es wieder nicht geklappt.

Wenn ich einmal nicht einschlafen kann, versuche ich einige Tricks anzuwenden, um mein eigenes Einschlafen zu erreichen. Ich schließe meine Augen extra fest zu. Dann meine ich diese tiefschwarzen Welträume mit weißen Blitzen zu sehen, an die ich mich vor den Einschlafen erinnert hatte. Es klappt aber nicht. Ich versuche keinen Gedanken zu fassen oder meine Gedanken absichtlich auf einen Zickzack-Kurs zu bringen. Ohne Erfolg. Eine verzweifelte Aktion, wenn man bedenkt, dass ich von keiner dieser Praktiken beweisen könnte, dass sie funktioniert.

Ich spiele mit dem Gedanken dieses äußerst interessante Thema zu erforschen, um es  anschließend für den Ig-Nobelpreis* vorzuschlagen. Bitte helft mir dabei, indem Ihr in das untenstehende Kommentarfeld 1.)  Eure Erinnerungen von kurz vor dem Einschlafen und 2.) Eure Praktiken zur Überlistung Eurer selbst vor dem Einschlafen’ eintragt. Danke und Gute Nacht. Ronya.

*Auszeichnung, die von der Harvard-Universität in Cambridge (USA) für unnütze, unwichtige oder skurrile wissenschaftliche Arbeiten verliehen wird.

Samstag, 13. Februar 2010

Unsere kleine Farm

Aus dem Tagebuch einer Süchtigen.

Vor ein paar Monaten  hätte ich den Titel dieses Artikels mit einer amerikanischen Serie aus den 70er und 80er Jahren assoziiert, in der Charles und Caroline Ingalls ihr idyllisches Leben in der Prärie meisterten und zwei Mustermädchen in endloser Harmonie großzogen. Wenn ich heute das Wort 'Farm' höre, denke ich an meine virtuellen Pferdchen, Schweinchen, Baby-Elefanten, Zicklein, Katzen, Hasen, Enten, Schwäne, Pinguine, Hühner, Kälber, Kühe und einen ausgewachsenen Stier, die dringend - wirklich dringend - von mir gebürstet, geschoren, ausgeweided oder gemolken werden müssen.


Es gibt keine Zeit zu verlieren! Schließlich könnte ich mit den Trüffeln, die meine Schweine gefunden haben, Münzen einnehmen und diese bereits in weitere Agrarprodukte investieren. Dann hätte ich auch irgendwann genug Münzen, um aus meinem einfachen Farmhaus auf eine stattliche Ranch zu ziehen und noch ein paar Hektar Wirtschaftsfläche dazu zu kaufen. Hoffentlich schaffe ich es, meine Valentinstag-Rosen rechtzeitig abzuernten (sie müssten so gegen 10 Uhr reif sein) sonst verrotten sie noch. Damit wären auch alle für die Saat eingesetzten Münzen weg. Oh nein!

Und was tue ich? Ich sitze wiedermal unnütz im Flugzeug für meinen realen Brötchengeber und versuche vergeblich mich auf den Termin in London zu konzentrieren. Ich schaue aus dem Fenster und sehe die echte Sonne, die mich kurz in ihren rot-gelblich schimmernden Bann zieht, aus der Schneedecke aufsteigen. Da fällt mir ein, dass ich eiligst bei meinen Nachbarn vorbei schauen muss, um deren Hühner zu füttern. "Machen das normale Bauern auch gegenseitig?", frage ich mich. Egal, es bringt mir ein paar Erfahrungspunkte ein und je mehr Erfahrung ich habe, um so dickere Kartoffeln kann ich ernten. Das leuchtet wiederum ein.

Gestern abend, als Herr Mütze nach der Arbeit nach Hause kam, erntete ich gerade meine schönsten Melonen, die von meinen Nachbarn einen Spezialdünger bekommen hatten und daher zu Basketbällen angeschwollen waren. Mit CRTL-TAB wechselte ich schnell das Programm, damit er nicht sieht, dass ich schon wieder FarmVille spiele. "Hallo Liebling!" sagte ich. "Die Blumen sehen traurig aus und müssten mal wieder gegossen werden." sagte Herr Mütze, setzte sich mit seinem Laptop auf die Couch und spielte solange MafiaWars bis seine Energie vollständig aufgebraucht war. Er gewinnt fast jeden Bandenkrieg und fährt schnelle, gepanzerte Autos. Leider sieht man von diesen heldenhaften Aktionen nie etwas, nicht einmal in einer animierten Videosequenz.

Das ist auf meiner Farm anders. Mit einem Blick sieht man was ich alles besitze und wie hübsch ich alles angeordnet habe. Mehrmals plante der Gartenarchitekt in mir meine 20x20 Vektar* große Landwirtschaftsfläche um. Es soll doch nach was aussehen, wenn meine Nachbarn vorbeischauen. Komischer Weise sehe ich meine Nachbarn nie; überhaupt bin ich immer alleine auf meiner Farm. Ich frage mich die virtuell-philosophische Frage, für wen eigentlich der Grabstein auf meiner Farm steht und auch wie lange mein blonder Avatar in Latzhose und meine Farm überleben werden. Was passiert mit meiner Idylle, wenn ich mich drei Monate lang nicht anmelde oder der FarmVille-Server einem Erdbeben zum Opfer fällt? Ich verdränge diesen Gedanken auf die selbe Art wie ich den Gedanken an den Tod verdränge und konzentriere mich auf die Landung. Meine Hände schwitzen.

Das Ernten, Melken und Hühner füttern kostet ganz schön viel Zeit. Manchmal eine ganze Stunde. Vor ein paar Wochen habe ich zu mir gesagt: "Bei Level 30 ist Schluss! Ich möchte nur noch meinen Pferdestall zu Ende bauen." Natürlich könnte er schon längst fertig sein, wenn ich das entsprechende Kleingeld per Kreditkarte oder PayPal dem FarmVille-Herrgott opfere. Nein. Ich zahle doch kein echtes Geld für eine virtuelle Dachlatte! Puh. Nochmal davon gekommen. Anders ergangen ist es wohl den Farmern die bereits einiges für virtuelle Güter geopfert haben und damit der Spieleindustrie im Jahr 2010 zu einen  Umsatz von 1,6 Milliarden verhelfen werden.

Im Londoner Büro angekommen melde ich mich schnell noch einmal bei Facebook an. Meine Nachbarin schenkt mir gerade per Statusmeldung (Während der Arbeitszeit, die hat ja Nerven!) einen seltenen Schmetteling. Wie süß!

*Vektar = virtueller Hektar.